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Ernährungspolitik – Wie der Staat deine Ernährung beeinflusst

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„Deutschland, wie es isst“ – so lautet der Titel des Ernährungsreports, der seit 2016 vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft jedes Jahr veröffentlicht wird. Etwa 1.000 Personen ab 14 Jahren werden vom Meinungsforschungsinstitut forsa telefonisch zu ihren Ernährungsgewohnheiten und Einkaufsverhalten befragt. Manche Fragen bleiben über die Jahre gleich, sodass die Entwicklung über die Jahre beobachtet werden kann. Für das Bundesministerium ist es zudem eine Rückmeldung, ob die Maßnahmen der Politik erfolgreich sind. Denn die politischen Rahmenbedingungen sind eingeführt worden, weil über die Hälfte der Einwohner in Deutschland übergewichtig sind. Der Anteil an übergewichtigen und mangelernährten Kindern steigt und ebenso die mit Übergewicht assoziierten Krankheiten, wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebs.

Die Ergebnisse der diesjährigen Erhebung zeigen, dass bewusster eingekauft wird, mehr Gemüse und Obst und weniger Fleisch und Wurst gegessen wird und für 91% der Befragten das Essen gesund sein muss. „Die Studien-Ergebnisse zeigen, dass wir Rahmenbedingungen richtig setzen und das Ziel erreichen.", so Bundesernährungsministerin Julia Klöckner. Das gesetzte Ziel ist die Möglichkeit einer gesunden Ernährung für alle.

Es gibt verschiedene Strategien und politische Instrumente, um gesunde Ernährung zu fördern und ungesunde zu erschweren. Welche Strategien und Instrumente sind das? Werden sie von Verbrauchern akzeptiert? Gibt es weitere Strategien in anderen Ländern? Wie bewerten Experten die deutsche Ernährungspolitik?

Klöckners Ziel erreicht? - Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft meldet eine „stille Pandemie“

Im Ernährungsreport 2021 klingt an, dass die Corona-Pandemie dafür gesorgt habe, dass viele wieder vermehrt selber kochen – und das mit Spaß –, sich aus der Vielfalt der Lebensmittel bedienen, mehr pflanzliche Produkte verzehren und besonders auf die Regionalität der Lebensmittel achten. Es scheint, als gäbe es einen Trend in der deutschen Bevölkerung in Richtung gesunde Ernährung.

„Gesunde Ernährung für alle“ impliziert auch Kinder, die in der BMEL-Umfrage nicht berücksichtigt werden. Für diese Personengruppe zeigt die Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) aus ihrer Arbeit ein eigenes Bild auf. Stellvertretend für die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) und die Fachgesellschaft der Kinder- und Jugendmedizin in Deutschland (DGKJ) berichtet AGA-Sprecherin PD Dr. Susann Weihrauch-Blüher: „Wir dokumentieren in unseren Spezialsprechstunden Gewichtszunahmen von bis zu 30 Kilo in 6 Monaten – Einzelfälle, aber `Rekorde´ dieser Art mehren sich. Es gibt bei Kindern einen derart klaren Anstieg an Adipositas während der coronabedingten Lockdowns, dass wir hier von einer zweiten, einer `stillen Pandemie´ sprechen. Zudem beobachten wir bei Jugendlichen eine deutliche Zunahme der Neumanifestationen von Typ-2-Diabetes.“ Im Vergleich zum Vorjahr gäbe es etwa dreimal so viele neue Typ-2-Diabetes-Fälle bei Jugendlichen mit extremer Adipositas. Dazu kämen Schuldistanz, sozialer Rückzug und Depressionen in ähnlichem Umfang.

Den Trend zu einer gesunden Ernährung sehen die Fachgesellschaften nicht: „Kinder mit Übergewicht haben ein hohes Risiko für eine Adipositas im Erwachsenenalter, die wiederum die eigenen Kinder wesentlich prägen wird. Menschen mit Adipositas sind häufig chronisch krank, haben vermehrt Diabetes-Typ-2, Herzprobleme, leiden unter einer eingeschränkten Lebensqualität und haben insgesamt eine nachweisbar geringere Lebenserwartung.“

Dominic Lemken von der Universität Göttingen und seine Kollegen sind der Meinung: „Ohne politische Eingriffe in das Konsumverhalten werden größere Veränderungen ausbleiben. Das menschliche Ernährungsverhalten ist habitualisiert und damit entsprechend persistent.“

Prof. Dr. Jörg Dötsch, Präsident der DGKJ appelliert an die Politik: „Für ein spürbar gesünderes Aufwachsen unserer Kinder sind politische Schritte maßgeblich.“

Was bedeutet Ernährungspolitik?

Die Aufgabe der Ernährungspolitik liegt in der „Beobachtung und Gestaltung der Produktion, Verarbeitung, Distribution und des Handels von und mit Lebensmitteln sowie die Förderung einer gesundheitsbewussten Ernährung”. In den letzten Jahren kamen zur Ernährungspolitik der Verbraucherschutz und die Nachhaltigkeitsziele dazu.

Aber ist es überhaupt in Ordnung, wenn der Staat in die Ernährungssouveränität des Einzelnen eingreift? Darf er das Konsummuster beeinflussen? Eigentlich ist das in einer Marktwirtschaft ohne Begründung problematisch, denn es gilt das liberale Neutralitätsprinzip: „Weil im politischen Liberalismus der Staat als Assoziation freier und gleichberechtigter Individuen verstanden wird, darf der Staat seinen Mitgliedern nicht eine bestimmte Auffassung davon, was ein gutes Leben sei, vorgeben, sondern muss sich verschiedenen Vorstellungen des Guten gegenüber neutral verhalten.“, so beschreiben die Gutachter des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE) die politische Philosophie. So liegt bei viele Politikern die Haltung vor, dass Bildung und Informationen allein ausreichen müssen.

Dabei wird das Neutralitätsprinzip ergänzt durch das Schadensprinzip. Der Staat darf in die Freiheit des Einzelnen eingreifen, wenn vor Schaden bewahrt werden muss. Damit ist die menschliche Gesundheit ebenso wie die Natur gemeint.

Sobald die ernährungspolitische Maßnahme mehr als eine Empfehlung für den Verbraucher und verpflichtend für den Hersteller ist (zum Beispiel eine Steuer), wird eine verfassungsrechtliche Rechtfertigung benötigt, die auf einer wissenschaftlichen Basis beruht. Erfolgreich ist die Maßnahme aber nur dann, wenn sie seitens der Bürger akzeptiert wird. Denn nicht nur aus politischen Reihen sind Bedenken zu einschränkenden Maßnahmen vorhanden, auch auf Verbraucherseite können Maßnahmen wie Steuern oder Nudging (engl. für „anstupsen“. Entscheidungen in eine bestimmte Richtung soll erleichtert werden) als Eingriff in die individuelle Entscheidungsfreiheit aufgefasst und abgelehnt werden.

Ernährungspolitische Instrumente

Ernährungspolitische Maßnahmen greifen unterschiedlich stark in das Konsumverhalten ein. Abgestuft in niedriger bis höherer Eingriffstiefe werden die Maßnahmen unterteilt in

  • Entscheidungsunterstützung
  • Entscheidungslenkung
  • Entscheidungsbeschränkung

Unterstützende Maßnahmen sind sozusagen Ratgeber. Die Auswahl soll erleichtert werden, indem mehr Informationen über die Auswahl bereitgestellt werden, beispielsweise durch Label oder Verbraucherbildung, aufklärende Internetseiten, Informationskampagnen per Werbespots, Podcasts oder soziale Medien sowie Werbeeinschränkungen. Ernährungsbildung gilt als ein klassisches Instrument, durch das Verbraucher durch gelerntes Ernährungswissen eine verantwortliche eigenständige Entscheidung treffen können im Hinblick auf die eigene Gesundheit und die Nachhaltigkeit.

Entscheidungslenkung kann durch negative oder positive Anreize geschehen. Konkrete Schritte wären beispielsweise Steuern, Abgaben oder Warnungen auf der Verpackung sowie Subventionen oder Bonusprogramme. Ebenso durch Voreinstellungen (defaults) kann Verhalten verändert werden. Voreinstellungen sind beispielsweise das Standardmenü in der Kantine, die Produktplatzierung im Supermarktregal oder die Produktgestaltung.

Die Beschränkung kann sich durch Produktverbote, Steuern oder durch die Einschränkung des Angebots (zum Beispiel Alkoholabgabeverbot) äußern.

Eine weitere Einteilung der politischen Instrumente liegt in der Verhaltens- und Verhältnisprävention. Ernährungsbildung und Informationskampagnen gehören zu den verhaltenspräventiven Maßnahmen, die auf die Stärkung der Verbraucherkompetenz abzielen. Verhältnisprävention beinhaltet die Verbesserung der Ernährungsbedingungen, beispielsweise durch Rechtsetzung oder Selbstverpflichtungen, die das Angebot von Lebensmitteln und Getränken beeinflussen.

Welche ernährungspolitischen Ziele und Maßnahmen gibt es in Deutschland?

Im Bericht der Bundesregierung zur Ernährungspolitik, Lebensmittel- und Produktsicherheit ist formuliert: „Ziel der Bundesregierung ist es, eine gesundheitsförderliche, ausgewogene und nachhaltige Ernährung für alle Menschen in Deutschland zu gewährleisten.“ Neben diesem ersten großen Themengebiet, existieren noch drei weitere: soziale Mindeststandards für menschenwürdige Arbeit und soziale Gerechtigkeit, Umwelt- und Klimaschutz sowie Tierwohl.

Um ein hohes Niveau der Lebens- und Futtermittelsicherheit zu erhalten und zu verbessern, das Ernährungs- und Bewegungsverhalten zu verbessern, eine höhere Nachhaltigkeit bei Produktion und Konsum zu erreichen, individuelle und informierte Entscheidungen zu ermöglichen und die Menschenrechte auf angemessene Nahrung zu verwirklichen, benutzt das Ministerium ein Instrumenten-Mix. Dieser besteht aus Entscheidungslenkung, -beschränkung und -unterstützung von der Stärkung der Ernährungsbildung, über Forschung bis Regulierung der Wirtschaft.

Einige Schwerpunkte, Instrumente und Maßnahmen der letzten Jahre waren

  • Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie für Zucker, Fette und Salz in Fertigprodukten
  • Verbesse­rung der Ernährungskompetenzen in allen Lebens­phasen, insbesondere Förderung von Ernährungsbildung in Kitas und Schulen und Verbesserung der Qualität und der Nachhaltigkeit in der Gemeinschaftsverpflegung (konkrete Maßnahmen waren hier beispielsweise EU-Schulprogramme für Obst, Gemüse und Milch; Verbesserung der Schulverpflegung; Die ersten 1000 Tage im Leben - Netzwerk „Gesund ins Leben“, Stillförderung; Gründung eines Instituts für Kinderernäh­rung zur Stärkung der Ernährungsforschung)
  • Reduzierung der Lebensmittelverschwendung und Förderung nachhaltiger Produktions- und Konsummuster (zum Beispiel durch „Zu gut für die Tonne!“; Stärkung des ökologischen Landbaus und der ökologischen Lebensmittelwirtschaft; Programm zur Stärkung der Nachhaltigkeit in der Gemeinschaftsverpflegung; Reduzierung von Kunststoffabfällen entlang der Lebensmittelkette)
  • Individuelle und informierte Entscheidungen ermöglichen (beispielsweise durch die Einführung der erweiterten Nährwertkennzeichnung Nutri-Score; Erkennung regionaler Produkte und Einführung eines staatlichen Tierwohlkennzeichens)
Liegt die Verantwortung mehr bei den Verbrauchern oder mehr bei der Politik?

Der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE) hat im Juni 2020 ein Gutachten veröffentlicht, in der die Politik einer nachhaltigeren Ernährung beleuchtet wird. Eine Feststellung lautete: „Bestehende Rahmenbedingungen sind wenig nachhaltigkeitsförderlich, die Verantwortung wird zu stark auf das Individuum verlagert, und viele verfügbare Unterstützungsinstrumente werden nicht hinreichend genutzt.“ „Gesunde Ernährung“ werde zu sehr als einzelne Entscheidungen bei der Lebensmittelwahl bei Mahlzeiten gesehen und die Komplexität und Einfluss der Ernährungsumgebung unterschätzt.

Dabei sehen die Gutachter es als faire Ernährungsumgebung an, wenn die Politik stärker eingreift und lenkt. Es sei legitim und notwendig. Im Vergleich zu anderen Ländern habe Deutschland deutlich weniger staatliche Rahmensetzungen. Die Analyse zeige, dass eine aktive staatliche Ernährungspolitik in der politischen Landschaft eher skeptisch gesehen werde. Vorschläge konzentrierten sich auf die Kita- und Schulverpflegung. Gerade bei diesem Punkt gäbe es Herausforderungen bei der Umsetzung, da ein föderales System in Deutschland vorliegt und die Verantwortung auf verschiedene Ebenen verteilt ist.

Als zentrale Empfehlungen für eine Politik für eine nachhaltigere Ernährung hat die WBAE neun Punkte formuliert, die mit verschiedenen Bausteinen ausgeführt werden.

  1. Systemwechsel in der Kita- und Schulverpflegung herbeiführen – „Kinder und Jugendliche in den Fokus”, unter anderem durch schrittweise Einführung einer beitragsfreien Kita- und Schulverpflegung und eine verpflichtende Umsetzung der Qualitätsstandards der DGE für die Kita- und Schulverpflegung (in Qualität, Quantität und Auswahlmöglichkeiten).
  2. Konsum tierischer Produkte global verträglich gestalten – „Weniger und besser”, wie etwa durch die Einführung eines verpflichtenden Klimalabels oder die Abschaffung des reduzierten Mehrwertsteuersatzes für tierische Produkte.
  3. Preisanreize nutzen – „Die Preise sollen die Wahrheit sagen”, kann unter anderem erreicht werden durch die Einführung einer Steuer auf zuckerhaltige Getränke und dafür eine Mehrwertsteuersenkung für Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte.
  4. Eine gesundheitsfördernde Ernährung für alle ermöglichen – „Ernährungsarmut verringern”, indem unter anderem eine grundsätzliche Überprüfung der Auswirkungen des ernährungspolitischen Instrumentenmix auf einkommensschwache Haushalte durchgeführt wird und die Kosten einer gesundheitsfördernden Ernährung in den staatlichen Grundsicherungsleistungen berücksichtigt werden.
  5. Verlässliche Informationen bereitstellen – „Wahlmöglichkeiten schaffen”, die durch eine wirksame Labelpolitik erreicht werden kann. Konkret könnte ein EU-weites Nachhaltigkeitslabel, ein Klimalabel und ein Tierschutzlabel eingeführt werden; der Nutri-Score sollte verpflichtend werden. Unter diesen Punkt fällt ebenfalls eine Werbeeinschränkung für an Kinder gerichtete Lebensmittel.
  6. Nachhaltigere Ernährung als das „New Normal” – „Soziale Normen kalibrieren”, wie etwa durch kleinere Portionsgrößen in der Gemeinschaftsverpflegung und einen Aktionsplan für die Reduzierung von zuckerhaltigen Getränken. Damit verbunden wäre die Einführung einer Steuer bezogen auf die Zuckermenge im Getränk und das Bereitstellen von kostenlosem Leitungswasser. Auch die Reduzierung von Lebensmittelabfällen gehören zur nachhaltigeren Ernährung.
  7. Angebote in öffentlichen Einrichtungen verbessern – „Großküchen nachhaltiger gestalten”, was die verpflichtende Einführung des DGE-Qualitätsstandards für die Verpflegung in Senioren-, Krankenhaus- und Rehaeinrichtungen betrifft.
  8. Landbausysteme weiterentwickeln und kennzeichnen – „Öko und mehr”, was den Ausbau des Ökolandbaus und die Entwicklung weiterer nachhaltigere Landbewirtschaftungssysteme, sozusagen Zwischenformen zwischen konventionellem und biologischem Anbau umfasst.
  9. Politikfeld „Nachhaltigere Ernährung” aufwerten und institutionell weiterentwickeln – „Eine integrierte Ernährungspolitik etablieren”, sodass Ansatzstelle, Reichweite, Regulationsorientierung, Adressat und Zielgruppenorientierung neu ausgerichtet werden.
Akzeptieren die Deutschen ernährungspolitische Maßnahmen?

Für den Erfolg von ernährungspolitischen Maßnahmen ist die Akzeptanz seitens der Verbraucher Voraussetzung. Bei einer repräsentativen Online-Befragung von 1.035 Verbraucherinnen und Verbrauchern im November 2017, beauftragt von der Verbraucherzentrale Bundesverband, wurde die Zustimmung oder Ablehnung bezüglich verschiedener Instrumente erhoben.

Insgesamt ist die Einstellung der Verbraucher gegenüber Ernährungspolitik positiv. Nur etwa 22% der Befragten waren der Meinung, dass sich der Staat aus der Ernährung der Bürger raushalten solle. 62% der Befragten wünschen sich, der Staat solle angesichts hoher Gesundheitskosten Bürger bei einer gesunden Ernährung unterstützen. Etwa mit derselben Zustimmung wurde befürwortet, „wenn der Staat für gesündere Lebensmittel sorgen würde.“

Begrüßt werden überwiegend Informationsmaßnahmen und Kennzeichnungen auf der Verpackung. Zudem werden Nudging-Maßnahmen akzeptiert. Steuer und Werbebeschränkung (außer die sich an Kinder richten) hingegen werden skeptischer gesehen. Werden die Steuern allerdings genutzt, um gesundheitspolitische Ziele zu erreichen, wird die Akzeptanz größer.

Akzeptanz verschiedener ernährungspolitischer Instrumente in Deutschland

 

Welche Maßnahmen haben andere Länder eingeführt?

Andere Länder haben ebenfalls Maßnahmen eingeführt, um ernährungsassoziierten Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus Typ 2 und Krebs entgegenzuwirken. Einige davon schlagen Fachgesellschaften für Deutschland vor.

Beispielsweise gibt es in Großbritannien seit April 2018 eine Zuckersteuer bei Getränken. Bei mehr als 5 g Zucker pro 100 ml beträgt sie 18 Pence, umgerechnet 21 Cent. Ab 8 g pro 100 ml sind es 28 Pence (33 Cent).

Auch in Mexiko wurde eine Zuckersteuer eingeführt.

In Frankreich wurde neben dem Nutri-Score ebenfalls eine Zuckersteuer eingeführt. Außerdem sollen Bio-Lebensmittel in öffentlichen Kantinen angeboten werden, Plastikverbrauch verringert, Gesetze beim Tierschutz verschärft und der Verkauf von Pestiziden von der landwirtschaftlichen Beratung getrennt werden.

In Chile werden Warnhinweise auf die Lebensmittelverpackungen gedruckt, wenn die festgelegten Grenzwerte für Kalorien, gesättigte Fettsäuren, Zucker und Natrium überschritten werden. Ebenso ist an Kinder gerichtete Lebensmittel-Werbung verboten sowie deren Verkauf in Schuleinrichtungen.

 Kanada setzt auf mehr Informationen über gesunde Ernährung und Ernährungsqualität und bietet dafür eine handyfreundliche Webanwendung, die mit einer Ernährungsberatung verknüpft ist.

Wo muss die deutsche Ernährungspolitik nachbessern?

Der Bericht der Bundesregierung zur Ernährungspolitik, Lebensmittel- und Produktsicherheit zeigt viele Maßnahmen auf, die erarbeitet und eingeführt wurden, um schrittweise das Ziel „Gesunde Ernährung für alle“ zu erreichen.

Experten sehen allerdings Nachbesserungsbedarf. Die Verbraucherzentrale Bundesverband schreibt in einem Positionspapier: „Es bewegt sich zu wenig in der deutschen Lebensmittel- und Ernährungspolitik: Die zu Beginn der vergangenen Legislaturperiode angekündigte Stärkung und Vernetzung der Lebensmittelüberwachung steht nach wie vor aus. Wirksame Instrumente, um eine gesunde Ernährung und die Prävention von ernährungsbedingten Erkrankungen zu unterstützen, wurden nicht eingeführt. Und auch beim Tierwohl-Label wurde bislang keine Lösung erzielt. Bei zentralen Themen gab es also oftmals keinen Durchbruch oder es blieb bei Ankündigungen.“

Viele Instrumente sind auf freiwilliger Basis, wie die Nährwertkennzeichnung Nutri-Score oder die Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie für Zucker, Fette und Salz in Fertigprodukten. Viele Experten sehen das kritisch. „Freiwillige Selbstverpflichtungen sind nicht wirksam.“, beanstandet die Verbraucherzentrale Bundesverband. „Weder die Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie für Zucker, Salz und Fett in Fertigprodukten noch das an Kinder gerichtete Lebensmittelmarketing sind in Deutschland ausreichend verbindlich oder verpflichtend geregelt.“

Prof. Dr. Jörg Dötsch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin wünscht sich striktere Maßnahmen: „Verpflichtende und klare Lebensmittelkennzeichnungen, Verbote für Dickmacher-Werbung, die – z.B. auch durch Influencer – speziell an Kinder gerichtet ist, eine gut strukturierte Vermittlung von Ernährungskompetenz schon von der Kita an.“ Die politischen Forderungen der DGKJ für eine gesunde Ernährung für Kinder umfasst weitere sieben Punkte, die eine Trendwende bei Adipositas im Kindes- und Jugendalter erreichen soll.

Barbara Bitzer, Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) merkt an: „Mit verbindlichen Reduktionszielen, einem bundesweiten Werbeverbot für süße und fettige Kinderlebensmittel sowie einer steuerlichen Entlastung von gesunden Produkten wie Obst und Gemüse kann die Politik wichtige Weichen stellen, damit sich noch mehr Menschen in Deutschland gesund ernähren und die Flut von Adipositas- und Diabetesneuerkrankungen nachhaltig eingedämmt wird. Hier muss in der nächsten Legislaturperiode dringend nachgebessert werden.“

Was heute ernährungspolitisch entschieden wird, beeinflusst die Ergebnisse der kommenden Ernährungsreports, auch „Deutschland, wie es isst 2034“.

 

 

 

 

Quellen:
www.bmel.de/DE/themen/ernaehrung/ernaehrungsreport2021.html
www.ernaehrungs-umschau.de/print-news/14-07-2021-ernaehrungsreport-des-bmel-2021/
adipositas-gesellschaft.de/adipositas-bei-kindern-eine-stille-pandemie/
Gesunde Ernährung, sichere Produkte - Bericht der Bundesregierung zur Ernährungspolitik, Lebensmittel- und Produktsicherheit www.bzfe.de/fileadmin//resources/import/pdf/eif_170910_Strategien_und_Instrumente_Ernaehrungspolitik.pdf
Instrumente der Ernährungspolitik - Ein Forschungsüberblick – Teil 1. A. Spiller, A. Zühlsdorf, S. Nitzko. Ernährungs Umschau 3/2017, S.M146-M153
Achim Spiller, Britta Renner, Lieske Voget-Kleschin, Ulrike Arens-Azevedo, Alfons Balmann, Hans Konrad Biesalski, Regina Birner, Wolfgang Bokelmann, Olaf Christen, Matthias Gauly, Harald Grethe, Uwe Latacz-Lohmann, José Martínez, Hiltrud Nieberg, Monika Pischetsrieder, Matin Qaim, Julia C. Schmid, Friedhelm Taube, Peter Weingarten (2020): Politik für eine nachhaltigere Ernährung: Eine integrierte Ernährungspolitik entwickeln und faire Ernährungsumgebungen gestalten. Berichte über Landwirtschaft, Sonderheft 230, 2020 buel.bmel.de/index.php/buel/article/view/308/513
www.ernaehrungs-umschau.de/print-artikel/12-11-2020-the-world-of-nudging/
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Anke Zühlsdorf, Kristin Jürkenbeck, Achim Spiller. Lebensmittelmarkt und Ernährungspolitik 2018: Verbrauchereinstellungen zu zentralen lebensmittel- und ernährungspolitischen Themen. -Chartbook zur repräsentativen Umfrage. https://www.uni-goettingen.de/de/document/download/ada0c217bc6048ba09e9f721d249d8ba.pdf/Lebensmittelmarkt%20und%20Ern%C3%A4hrunsgpolitik%202018_Chartbook.pdf
A. Ploeger et al. (Hrsg.), Die Zukunft auf dem Tisch, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Springer Fachmedien Wiesbaden, 2011
Ernährungsstrategien ausgewählter Länder – Deutscher Bundestag. www.bundestag.de/resource/blob/661530/0190e487d400cc2f59e6887cb9743400/WD-5-067-19-pdf-data.pdf
www.aerzteblatt.de/nachrichten/109097/Die-britische-Zuckersteuer-wirkt
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www.vzbv.de/sites/default/files/2021-08/August%202021-vzbv_S%C3%BC%C3%9Fgetr%C3%A4nkeabgabe.pdf
www.dgkj.de/unsere-arbeit/politik/ernaehrungspolitik