Was den Geschmack beeinflusst und verändert

Wir genießen, was uns schmeckt und wir finden lecker, was wir gewöhnt sind. Bei einer Verkostung von 20 verschiedenen Tomatensorten – ob Bio oder konventionell, regional oder im Ausland angebaut, groß oder klein, gelb oder rot – wird mit großer Wahrscheinlichkeit die bekannteste Sorte gewinnen: die Cocktailtomate aus einem Discounter. Dasselbe Phänomen tritt bei einer Blind-Verkostung von Schokolade auf. Nicht die Fairtrade-Bio-Sorte gewinnt die Geschmacksbeliebtheit, sondern eine weit verbreitete Standardsorte. Unser Geschmack wird geprägt von Gewohnheit und Erfahrung und in solchen Situationen lässt uns das Geschmackserkennungsgedächtnis zum Bekannten tendieren. Das merkt man insbesondere bei einer Ernährungsumstellung. Vielen fällt das Etablieren von vorher selten verzehrten gesünderen Lebensmitteln im täglichen Speiseplan schwer und auch das Reduzieren oder Weglassen von eher ungesunden Produkten ist eine große Herausforderung. Kann das Ungewohnte zum Bekannten oder sogar zur Vorliebe werden? Möglicherweise entpuppt sich die Aussage „Das mochte ich halt noch nie“ gar nicht als endgültig.

Was ist das Geschmackserkennungsgedächtnis? Was verändert Geschmacksvorlieben? Was beeinflusst den Geschmack? Bei der Suche nach Antworten auf diese Fragen wird schnell klar, dass es sehr viele Faktoren gibt, die (mehr oder weniger) beeinflussbar sind.

Inhaltsverzeichnis
Das Geschmackserkennungsgedächtnis
Wie Wiederholung den Geschmack prägt
Viele Faktoren prägen ein Geschmackserlebnis
Früher mochte ich das nicht – Alter als Einflussfaktor
Ernährungszustand – was ich gerade gegessen habe, verändert meine Geschmacksvorliebe
„Und plötzlich hatte ich Lust auf saure Gurken mit Vanilleeis!“
Körpergewicht
Was isst Du, wenn Du gute oder schlechte Laune hast?
Zink-Mangel als Geschmacksfaktor
Temperatur und Textur bestimmen mit
Grüne Milch und brauner Käse - wie die Farbe den Geschmack beeinflusst
Der Zeitfaktor - Pausen von Gewohntem
Die Macht der Worte

Das Geschmackserkennungsgedächtnis

Geschmacksvorlieben und -abneigungen gibt es von Geburt an. Die Vorliebe für süß und die Abneigung für bitter wird langsam beeinflusst, sobald ein Baby entwöhnt und mit Beikost gefüttert wird. „In dem Moment, wo sie anfangen, feste Nahrung zu sich zu nehmen, müssen sie lernen, was bekömmlich beziehungsweise unbekömmlich für sie ist. Von diesem Zeitpunkt an beginnen die angeborenen Verhaltensweisen überlagert zu werden mit erlernten Verhaltensweisen. Mit anderen Worten: Wir erlernen unsere Vorlieben und unsere Abneigungen.“, erklärt Professor Dr. Wolfgang Meyerhof. Der Biochemiker hat seinen Forschungsschwerpunkt auf den Einfluss der Geschmackswahrnehmung auf das menschliche Ernährungsverhalten und die Gesundheit.

Kleinkinder reagieren zuerst mit Abneigung gegenüber neuen Speisen (Neophobie). „Dann lernen sie die Konsequenzen der aufgenommenen Nahrung zu assoziieren mit dem Geschmack dieser Nahrung.“ Es wird eine Zeit lang abgewartet, was im Körper passiert. Wird das neue Lebensmittel vertragen oder kommt es zu Beschwerden? Hat es Unwohlsein zur Folge wird die negative Erfahrung mit dem Geschmack des neuen Lebensmittels verknüpft und bei erneutem Kontakt abgelehnt oder in nur sehr kleinen Mengen gegessen. „Gibt es keinerlei Beschwerden und das Kind wird satt, dann wird das angenehme Gefühl der Sättigung mit diesem Geschmack assoziiert. Und das führt dazu, dass das Kind bereit ist, dieses Nahrungsmittel auch erneut zu verzehren.“ Der Gesamteindruck des Geschmacks wird dabei im für uns nicht bewusst zugänglichen Geschmackserkennungsgedächtnis im Gehirn abgespeichert.

An positiven Geschmackserlebnissen sind der Neurotransmitter Dopamin und zwei Gehirnregionen beteiligt, die mit Belohnung und Sucht zusammenhängen: das Mittelhirn und der Nucleus accumbens. Letzterer ist bei allen emotionalen Lernprozessen eingebunden, sowohl bei positiven als auch bei negativen Erfahrungen. Bei unerfreulichen Geschmacksereignissen spielt zudem der Mandelkern (Amygdala) eine Rolle, der bei Angst und Stress involviert ist. Neurotransmitter wie Noradrenalin, Acetycholin und Glutamat sind bei der Prägung von Geschmacksaversionen beteiligt.

Wie Wiederholung den Geschmack prägt

„Die Grundsteine des Ernährungsverhaltens liegen damit in der frühesten Kindheit, und sie werden durch eine zutiefst menschliche Fähigkeit, nämlich die Fähigkeit zu lernen, beeinflusst.“, schreibt Christine Vetter im Deutschen Ärzteblatt. Nach Prof. Joachim Westenhöfer aus dem Fachbereich Ökotrophologie der Fachhochschule Hamburg sind dabei drei Punkte von Bedeutung:

  1. Dadurch, dass Menschen immer wieder etwas essen oder ausprobieren, gewöhnen sie sich langsam an einen Geschmack und lernen, ihn zu lieben.
  2. Durch Eltern, Geschwister und Gleichaltrige, bei denen Speisen und Getränke Anerkennung oder Missachtung finden, wird eine soziale Komponente
  3. Physiologische Konsequenzen der Nahrungsaufnahme verändern Erwartungen und damit auch Präferenzen oder Aversionen gegen bestimmte Nahrungsmittel und Geschmäcker.

Im Ratgeber „Umwelt und Kindergesundheit – Gesünder groß werden“ vom Umweltbundesamt, Bundesamt für Strahlenschutz, Bundesinstitut für Risikobewertung und vom Robert-Koch-Institut wird dazu ergänzt: „Was und wie Ihr Kind isst, können Sie in der frühen Lebensphase, in der Ihr Kind besonders wiss- und lernbegierig ist, prägen. Das Verhalten ändert sich im Erwachsenenalter kaum noch oder nur durch schwierige Umlernprozesse.“

Viele Faktoren prägen ein Geschmackserlebnis

Eine einmalige schlechte Erfahrung mit einem neuen Lebensmittel in der Kindheit bedeutet demnach nicht, dass ich bis an mein Lebensende eine Geschmacksaversion habe. Neben Wiederholungen kann sich der Geschmack beispielsweise durch Emotionen, Alter, Hormone sowie Umwelteinflüsse verändern.

Manche Faktoren schädigen die Geschmacksrezeptoren, sodass bei ihnen eher von einer Beeinträchtigung als von einer Veränderung der Geschmackswahrnehmung gesprochen werden muss. Dazu gehören Alkohol, Zigarettenrauch, Medikamente und Säuren. Da die Geschmacksrezeptoren aber alle paar Tage ausgetauscht werden (häufiger als die Geruchsrezeptoren), kann die Geschmackswahrnehmung wieder besser werden. Das Geschmackssystem ist von den sensorischen Systemen das Widerstandsfähigste. Eine dauerhafte Beschädigung oder sogar ein vollständiger Verlust ist selten.

Früher mochte ich das nicht – Alter als Einflussfaktor

Mit dem Alter verändert sich der Geschmackssinn. Ein Kind hat eine stärkerer süß-Präferenz als ein Erwachsener. In späteren Lebensphasen ist das Wahrnehmen von salzig und bitter eingeschränkt. Die süß-Wahrnehmung bleibt bis ins hohe Alter erhalten, sodass ältere Menschen oft süße Speisen bevorzugen.

Ein verringertes Schmeckvermögen bei älteren Menschen ist lange bekannt, aber dennoch nicht vollkommen erklärt. Lange wurde davon ausgegangen, dass es an der kleiner werdenden Geschmacksknospendichte liegt. Die Zahl der Geschmacksknospen reduziert sich vom jungen Erwachsenenalter bis zum Seniorenalter etwa um die Hälfte, ebenso die Menge der Zellen pro Geschmacksknospe. Bei einem gesunden Erwachsenen werden durchschnittlich 11% der Sinneszellen pro Tag erneuert. Im Alter nimmt das Regenerationspotential der Zellen ab, der Zellumsatz wird also kleiner und das vollständige Schmecken ist nicht mehr gewährleistet. Studien haben diese Vermutung allerdings als uneingeschränkte Erklärung nicht bestätigt: Ältere Menschen konnten trotz geringerer Anzahl an Geschmacksknospen die verschiedenen Geschmäcker identifizieren. Nicht alle sind von einer Geschmacksschwellenverminderung betroffen; manche der älteren Personen hatten sogar eine bessere Schmeckschwelle als viele Jüngere.

Heute wird der Grund für das eingeschränkte Schmecken unter anderem in einer reduzierten Funktionalität der Rezeptoren vermutet. Außerdem müssen viele im fortschreitenden Alter Medikamente einnehmen, die den Appetit und das Schmeckvermögen verändern können. Manche Erkrankungen tragen ebenfalls einen Teil zum eingeschränkten Schmecken bei, wie beispielsweise chronische Leber- und Nierenerkrankungen, virale Infekte und endokrine Dysfunktionen. Des Weiteren sind der Zahnstatus und die Mundhygiene Einflussfaktoren, „da mikrobielle Zersetzungsprodukte die gustatorischen Rezeptorzellen beeinträchtigen können, beziehungsweise eigene gustatorische Komponenten aufweisen. Eine entsprechende Mundhygiene kann das Schmeckvermögen erheblich verbessern.“, erklärt Dr. med. Ludger Klimek, Konsiliararzt an der Deutschen Klinik für Diagnostik. Das sollte unbedingt beachtet werden, damit die älteren Menschen nicht die Freude am Essen verlieren, die Menge der Nahrung reduzieren und es zu Mangelerscheinungen kommt.

Ernährungszustand – was ich gerade gegessen habe, verändert meine Geschmacksvorliebe

Manchmal hat man richtig Lust auf etwas Süßes und dann gibt es Momente, da ist es gar keine Schwierigkeit die süßen Sachen liegen zu lassen. Dabei spielt der Ernährungszustand eine Rolle, also die Frage, wie satt oder hungrig ich gerade bin. Mit beteiligt sind Hormone, die Hunger und Sättigung regulieren und die Empfindlichkeit der Geschmackssinneszellen beeinflussen. Das Sättigungshormon Leptin bewirkt beispielsweise im Hungerzustand eine Verstärkung des Süßgeschmacks, während es nach der Mahlzeit im Sättigungszustand den Süßgeschmack reduziert. Möchte man seinen Süßigkeitenkonsum reduzieren, ist es deswegen besser nicht im hungrigen Zustand einkaufen zu gehen.

„Und plötzlich hatte ich Lust auf saure Gurken mit Vanilleeis!“

Alt bekannt sind die Geschmacksphänomene in der Schwangerschaft. Vorlieben tauchen auf, die vorher nie auf dem Speiseplan standen und Lebensmittel werden kombiniert, über die andere nur verständnislos den Kopf schütteln. Diese Geschmacksveränderungen sind wissenschaftlich wenig untersucht. Beobachtet wurden, dass in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten Bittersubstanzen empfindlicher wahrgenommen werden. Vermutlich ist die Empfindlichkeit von Geschmackseindrücken stärker, um schlechtes Essen schnell erkennen zu können und die Entwicklung des Embryos nicht gefährdet wird.

„Als Einflussgröße für die beobachteten Geschmacksänderungen kommen Hormonschwankungen in Betracht. In der Tat wurden bei Frauen unterschiedliche Geschmacksschwellen für Saccharose auch während des Menstruationszyklus beobachtet. Die Phase höchster Sensitivität für Saccharose korreliert hierbei mit hohen Östrogenkonzentrationen im Blut.“, erläutert Dr. Maik Behrens vom Leibniz-Institut für Lebensmittel-Systembiologie an der Technischen Universität München.

Körpergewicht

Der Zusammenhang zwischen Körpergewicht und veränderte Geschmackspräferenzen ist noch wenig erforscht. Einige Studien bestätigen Unterschiede bei der Geschmackswahrnehmung je nach Gewicht, andere nicht. Bei einer Studie von Simchen et al. konnte eine verminderte Wahrnehmung von bitter und sauer bei übergewichtigen Personen aber nicht bei süß und salzig aufgezeigt werden. Laut Keskitalo et al. ist die Salz-Tendenz bei übergewichtigen Personen stärker. In einer weiteren Untersuchung war die Geschmacksschwelle bei adipösen Personen für süß und salzig niedriger, was für ein besseres Schmecken spricht.

Eine interessante Beobachtung machte Kaufman et al. im Tierversuch: Bei Übergewicht können unterschwellige Entzündungsprozesse auftreten. Eine hohe Fettaufnahme bewirkte eine höhere Freisetzung von Entzündungsmediatoren, die die Anzahl der Geschmacksknospen reduzierten. Damit war die Geschmackswahrnehmung beeinträchtigt. Nach Gewichtsabnahme verbesserte sich das Schmecken wieder.

Es ist bisher nicht eindeutig, inwiefern das Gewicht für eine veränderte Geschmackswahrnehmung verantwortlich ist oder ob ein veränderter Geschmack Adipositas begünstigt. Was Ursache und was Wirkung ist und wie die Zusammenhänge sind, dafür müssten noch weitere Untersuchungen durchgeführt werden.

Was isst Du, wenn Du gute oder schlechte Laune hast?

Bei guter Laune tendieren Personen zu herzhaften und knackigen Gerichten. Wer gerade voller Lebensfreude und -energie ist, hat auch für die Verdauung knackiger Lebensmittel Energie. Bei negativer Stimmung werden eher milde und cremige Mahlzeiten gewählt. Personen mit gedrückter Stimmung haben innerlich nicht viel Kraft und wollen weder für das Essen noch für die Verdauung viel Energie aufbringen.

Unter der Leitung von Professorin Christina Bermeitinger vom Institut für Psychologie der Universität Hildesheim entstand das „Kochbuch der Gefühle. Studentinnen und Studenten der Psychologie und Köche setzten sich mit dem Zusammenhang von zwei ständigen Alltagsbegleitern auseinander: Essen und Gefühle. „Emotionen und Kochen gehören zusammen. Gerüche oder Gerichte wecken Kindheitserinnerungen. Unsere Gefühlslage bestimmt, was wir essen, wie wir essen. Und andersherum beeinflusst das, was wir essen, wiederum unsere Emotionen.“, sagt Professorin Bermeitinger. Im „Kochbuch der Gefühle“ sind mehrere Ansätze eingeflossen, wie sich Gefühle und Essen gegenseitig beeinflussen: „Entweder man befindet sich in einer Emotion und sucht dann ein passendes Gericht dazu. Was würden Sie gerne essen, wenn Sie traurig sind – einen Schweinebraten oder eher etwas Süßes mit Schokolade? […] Bei gewissen Emotionen fallen einem auch sofort gewisse Farben ein. Rote Zutaten zum Beispiel stehen für Wut oder Leidenschaft. Der zweite Zugang ist: Was kann man essen, um eine bestimmte Emotion auszulösen? Stolz etwa schmeckte für uns nach einem angenehmen Gefühl, das uns beflügelt wie etwa Hummer mit Chili oder Champagnergelee mit Granatapfel und Kardamon. Und bei der Angst haben wir versucht, die typischen Symptome provozieren wie Zittern, steigender Blutdruck, Herzrasen und so weiter.“

Dass Emotionen Einfluss auf Geschmacksvorlieben haben, konnte ebenfalls ein Forschungsteam der Universität Würzburg in einem Projekt aufzeigen. Darin sahen Personen Filmsequenzen, die lustig, traurig oder neutral waren. Vorher und danach wurde ihnen eine Flüssigkeit zu trinken gegeben, zu der sie die Geschmacksintensität von süß, sauer oder bitter bewerten und den Fettgehalt einschätzen sollten. Das Team unter PD Dr. Petra Platte berichtet: „Dabei zeigte sich: Menschen, die grundsätzlich eher negativ gestimmt sind, konnten nicht mehr zwischen fettig und fettarm unterscheiden, wenn sie davor lustige oder traurige Filmszenen gesehen hatten. Nach neutralen Szenen erkannten sie den unterschiedlichen Fettgehalt sehr wohl, ebenso vor dem Anschauen der Videoclips. Zudem beurteilten diese Versuchsteilnehmer bittere und süße Geschmacksproben als intensiver.“

Zink-Mangel als Geschmacksfaktor

Der Mineralstoff Zink kann im Körper nicht gespeichert werden und muss deswegen regelmäßig mit Lebensmitteln aufgenommen werden. Es ist beteiligt am Zellwachstum, an der Wundheilung, am Proteinstoffwechsel und an der Immunabwehr. Bei einer unzureichenden Versorgung mit Zink kann es zu „beeinträchtigten Längenwachstum, Hautekzeme, Durchfälle, Wundheilungsstörungen, Probleme der Wahrnehmung und des Erinnerungsvermögens sowie eine höhere Anfälligkeit für Infektionskrankheiten“ kommen, berichtet die Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Ein Mangel an Zink oder gesteigerter Bedarf, der beispielsweise Schwangere, Stillende, Heranwachsende sowie Leistungssportler betrifft, kann die Geschmackswahrnehmung dämpfen. Bei Personen mit einem niedrigen Zink-Gehalt im Blut konnte ein vermindertes Schmecken von „salzig“ und „sauer“ beobachtet werden. Das bittere und süße Geschmacksempfinden war dagegen unverändert. Die Behebung des Mangels verbesserte die Geschmacksschwelle.

Die Symptome eines Zink-Mangels sind oft unspezifisch und daher nicht schnell erkennbar. Bei älteren Menschen wird eine Zink-Unterversorgung häufiger beobachtet. „Selbst bei gesunden Alten ist im Vergleich zu jungen Menschen der Zinkgehalt im Serum verringert.“, berichtet Professor Lothar Rink vom Institut für Immunologie der Universität Aachen. Aufgrund der Infektionsanfälligkeit und des besseren Schmeckens sollte der Zink-Gehalt im Blut bei älteren Menschen regelmäßig überprüft werden.

Temperatur und Textur bestimmen mit

Kalte Pommes, weiche Chips und warmer Joghurt – die Temperatur und die Textur entscheidet mit, ob uns ein Lebensmittel schmeckt. Das liegt zum einen an der Erfahrung, zum anderen an bestimmten Rezeptoren auf der Zunge, die auf Temperatur reagieren und den Geschmackseindruck verstärken oder vermindern. Warme Temperaturen verstärken das süß-Empfinden. „Darum ist ein Pudding süßer, wenn er frisch gekocht und warm ist, und Eis wird, wenn es schmilzt, viel süßer als im gefrorenen Zustand.“, veranschaulicht Psychologin Dr. Kathrin Ohla vom Forschungszentrum Jülich. Am besten schmecken wir bei einer Temperatur von 30 bis 35 Grad. Abweichungen von bis 5 Grad werden noch akzeptiert. Bei Temperaturen unter 0 Grad und über 50 Grad wird Geschmack nicht mehr wahrgenommen.

Die Umgebungstemperatur spielt ebenfalls eine Rolle. Ein heißer Kakao passt eher in die Winterzeit als in den Sommer und bei Regenwetter schmeckt ein Eintopf besser als an einem heißen Juli-Tag.

Grüne Milch und brauner Käse - wie die Farbe den Geschmack beeinflusst

Geschmack ist eine Verflechtung aus schmecken, sehen, riechen und hören. Ist einer der Sinne beschädigt, wirkt sich das direkt auf die Geschmackswahrnehmung aus. Die Erfahrung sagt uns, dass eine Milch weiß, Broccoli grün und Haferflocken beige sind. Werden Lebensmittel mit einer ungewohnten Farbe eingefärbt, verändert das Akzeptanz oder Ablehnung.

Jane Wheatley berichtet in einem Artikel, dass Versuchsteilnehmern bei farbmaskierendem Licht ein Teller mit Steak, Pommes Frites und Erbsen serviert wurde. Nach der Hälfte der Mahlzeit wurde die Farbmaske weggenommen, sodass bei normalen Lichtverhältnissen das Steak blau aussah, die Pommes grün und die Erbsen rot. Die plötzlich unerwarteten und ungewöhnlichen Farben verursachte bei einigen Teilnehmern Übelkeit.

In der Regel wird mit der Färbung eher die Akzeptanz gefördert. Ein gutes Beispiel ist ein Fruchtjoghurt. Je nach Sorte unterstützt die Farbe den Geschmack, wie rot bei Erdbeere oder gelblich bei Vanille. In einer Verkostung bekamen Personen einen Fruchtjoghurt mit verschiedener Einfärbung. Obwohl die zugrunde liegende Rezeptur dieselbe war, bewerteten die Versuchsteilnehmer den Geschmack und das Fruchtaroma bei kräftigerer Joghurtfarbe als intensiver und ließ sie vermuten, dass der Fruchtanteil bei diesem Joghurt höher war. Farbe hat somit eine verstärkende Aroma-Wirkung.

Der Zeitfaktor - Pausen von Gewohntem

Der Riech- und Schmeckforscher Thomas Hummel vom Dresdner Uniklinikum macht darauf aufmerksam, dass vorübergehender Verzicht die Geschmackswahrnehmung verbessert. Dadurch kann ein gewohnter Geschmack neu entdeckt werden. Dr. Maik Behrens veranschaulicht, was passiert, wenn eine Zeit lang auf bestimmte Lebensmittel verzichtet wird: „Wenn man einmal 14 Tage lang nur Langweiliges isst, also zum Beispiel alles Süße weglässt, zum Beispiel auch Früchte - und dann essen Sie danach eine Himbeere. Das explodiert dann förmlich, Sie schmeißen sich weg!“ In dieselbe Richtung zielt die 5. Genussregel „Weniger ist mehr“. Durch Einschränkungen bleibt oder wird das Besondere (wieder) besonders.

Die Macht der Worte

Manchmal reichen nur Worte um den Geschmack zu verändern. In einem Experiment an der Hochschule Harz wurden zwei Teesorten verkostet, der eine hieß „Tropical Feeling“ und der andere „Vor dem Kamin“. Obwohl beide Sorten denselben Inhalt hatten, bewerteten die Personen den Geschmack von „Tropical Feeling“ als exotischer, fruchtiger und erfrischender, einfach aufgrund des Namens.

Nicht nur geschriebene, ebenso gesprochene (unbedachte) Worte beeinflussen den Geschmack. Wenn jemand beiläufig am Tisch bemerkt, der Koch hätte in deine Suppe gespuckt, bevor sie dir serviert wurde, kann das den Geschmack verderben. Im Kopf entsteht ein Bild, wie solch eine Situation ausgesehen haben könnte und die Suppe schmeckt plötzlich nicht mehr so gut wie vorher.

Es funktioniert jedoch genauso in die positive Richtung. Worte wie „Dein Essen sieht richtig lecker aus! Das sollte ich auch mal probieren!“, fördert die Freude und Lust am Essen. Und damit einen leckeren Geschmack.

Worte, Emotionen, Zeit, Konsistenz, Temperatur, Farbe, Alter, Körpergewicht, Häufigkeit bzw. Gewohnheit und vieles mehr spielen in ein Geschmackserlebnis rein. Auf viele dieser Faktoren können wir einwirken und können damit neu überprüfen, ob der Satz „Das mochte ich noch nie“ noch seine Gültigkeit hat.

 

 

 

 

Quellen:
Geschmack und Ernährung - 1. Die physiologischen Grundlagen der Geschmackswahrnehmung. Maik Behrens, Anja Voigt, Wolfgang Meyerhof, Potsdam-Rehbrücke. Ernährungs Umschau 7/2013, S.124-131
Geschmack und Ernährung - 2. Auswirkungen der genetischen Veranlagung und von Umwelteinflüssen auf die Geschmackswahrnehmung. Maik Behrens, Natacha Roudnitzky, Wolfgang Meyerhof, Nuthetal. Ernährungs Umschau 10/2013
Auf den Geschmack gekommen? Angelika Ploeger. Ernährungs Umschau 7/2009, S. 413-415
Frühkindliche Geschmacksprägung – Aktuelle Forschung im Health Perception Lab der FH Joanneum. Bianca Neuhold, Marie Peterseil, Wolfgang Gunzer, Susanne Maunz. Ernährungs Umschau 7/2014, S. M393-395
Geschmack und Ernährung - 3. Ausbildung von Nahrungspräferenzen und -aversionen. Sandra Hübner, Jonas Töle, Wolfgang Meyerhof, Nuthetal. Ernährungs Umschau 12/2013. S.222-227
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https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/377/publikationen/umwelt_und_kindergesundheit.pdf
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Die Wahrnehmung von Umami bei Patienten mit Riech-¬ und Schmeckstörung https://www.uniklinikum-dresden.de/de/das-klinikum/kliniken-polikliniken-institute/hno/forschung/interdisziplinaeres-zentrum-fuer-riechen-und-schmecken/downloads/doktorarbeiten/Marie_Georgi_2019.pdf/@@download/file/Marie_Georgi_2019.pdf
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https://www.mdr.de/wissen/podcast/challenge/kann-ich-meinen-geschmackssinn-trainieren-100.html
Die Farbe macht den Geschmack – Farbwirkung in der Nahrungswahrnehmung. Meindl M, Ohla K., Nuthetal. Ernährungs Umschau 3/2015. S.M163-M169
https://www.zeit.de/zeit-wissen/2012/06/Sprache-Worte-Wahrnehmung/komplettansicht